Historie

Um 1900: Sicht von der “Großen Straße”

Um 1900: Sicht von der “Großen Straße”

Die Kavarinerstraße hat ihren heutigen Namen dem Handel zu verdanken. Romanische Händler aus Cahors, sog. Kawersiner, Kawariner und Kawerschen betätigten sich vom 13. bis zum 16. Jahrhundert an dieser Stelle als Geldwechsler und Bankiers. Daraus entstand Cawertschen, Cauwertschen bzw. Cauwersyns. Aus cauwersijnsche poerte entwickelte sich Cauwerijnsche strate bzw. poerte und so entstand der heutige Name Kavarinerstraße. Im Laufe des 16. Jahrhunderts wurden die Kawersiner von Juden und deutschen Bankkaufleuten aus dem Geldhandel verdrängt.

Möglicherweise entstand die Kavarinerstraße mit der Errichtung des Minoritenklosters schon um 1285.

Zwischen dem Museum Haus Koekkoek, dem prächtigen Malerpalais, in dem eine umfangreiche Sammlung des romantischen Landschaftsmalers und seiner Schüler untergebracht ist und dem jetzigen Turm-Café lag bis 1820 das Kavarinertor, das als „porta Lombardorum“ (Lombarden- oder Geldwechsler-Tor) bereits im 14. Jahrhundert auftaucht, während die Straße selbst überhaupt erst Ende des 15. Jahrhunderts schriftlich erwähnt wird.

Für die frühe Existenz einer Straße oder zumindest eines Weges spricht die Gründung des angrenzenden Minoritenklosters (das spätere St. Antonius Hospital und heutige Rathaus) im Jahre 1285. Allerdings wird sowohl der Verlauf als auch die Höhe von der heutigen Form abgewichen haben. „Es erscheint nämlich unwahrscheinlich, dass die Straße vor und hinter dem Tore in ganz gerader Linie verlaufen ist, weil das Tor, ein Verteidigungsbollwerk, seinen Zweck nur dann vollauf erfüllen konnte, wenn Ein- und Austritt durch das Tor bei einem Angriffe möglichst unübersichtlich waren. …

Schwanenburg aus Gartensicht der “Kavariner Straße”

Schwanenburg aus Gartensicht der “Kavariner Straße”

Das geschah am besten durch Windungen der Straße. … Diese Abweichungen von der heutigen Lage waren aber, weil die Straße auf einer längeren Strecke an einer steilen Bergwand liegt, nur nach der Talseite hin möglich. Er erscheint daher nicht ausgeschlossen, dass die Straße von der Großen Straße aus gesehen, im Bogen auf die Unterstadtkirche und das Minoritenkloster hin verlief, um dann über den höher gelegenen Teil des Hospitalgrundstückes und der van Roßumschen Besitzung in das Cavarinertor einzumünden. Auch jenseits des Tores wird die Straße wahrscheinlich … tiefer gelegen haben und in Krümmungen bis zur Heldstraße verlaufen sein. … Der Anfang von der Großen Straße aus kann an der jetzigen Stelle gelegen haben … . Auf jeden Fall wird die Straße mehr talwärts an der Kirche vorbeigeführt haben, denn die Erbauer von Kirche und Kloster würden diese nie so tief errichtet haben (wahrscheinlich im Bette des alten Westrheines) wenn etwa 30 m davon ein etwa 2 m höher gelegener Weg vorbeigegangen wäre. Man muss daher annehmen, dass der ganze Berghang sich früher tiefer hinabgezogen hat … . “

Haus Rossum

Haus Rossum

Dass die Kavarinerstraße an einem Berghang liegt, ist auch die Erklärung für eine frühere Bezeichnung. Vom Ende des 15. bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts hieß die Straße „Leeuwstrate“. Leeuw bedeutet zwar den Löwen, aber auch im Klevischen wie überhaupt im rheinischen Niederland die hochwasserfreie Erhebung. Vor dem Stadtbrand 1528 lag an der unteren Ecke der Hopfensackstege das Haus „Zum roten Löwen“.

Um 1975: TurmCafé

Um 1975: TurmCafé

Reizvolle Seitenstraßen und Gassen, die nördlich abwärts (Angerhausenstege, Kirchenvorplatz) und südlich aufwärts streben (Koekkoekstege, Hopfensackstege), verdeutlichen diese Lage auf einem Berghang. Bis 1971 konnte man die Aussicht von diesem „Berg“ auch noch bei einer Tasse Kaffee von der Terrasse des Hotel Bollinger genießen. Das Gebäude wurde 1982 abgerissen, nachdem es zuletzt als Lager der Firma Senger genutzt wurde.

Die Kavarinerstraße ist bis ins 17. Jahrhundert nur eine Nebenstraße gewesen, die, obschon sie auf ein Stadttor, das gleichgenannte Kavarinertor, zuführte, doch nie recht Bedeutung erlangte. Das rührt einfach daher, dass jenes Tor bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts lediglich den Weg ins Spick, die Feldmark der Klever Bürger, und in die Dörfer der Düffel freigab, während die Straße nach Nijmegen durchs Heideberger Tor ging. Erst die Anlage des Tiergartens und bald darauf der unteren Landstraße nach Nijmegen über Donsbrüggen und Kranenburg verliehen der Kavarinerstraße als der Zubringerin mit steigendem Verkehr größere Bedeutung.

“Senger” / später “Haus Bollinger”

“Senger” / später “Haus Bollinger”

Dem entspricht ganz das für den Beginn des 16. Jahrhunderts – und mit nur geringen Änderungen auch für frühere Zeiten – zu entwerfende Bild der Straße: Eine durchgehende Zeile von bewohnten Häusern befand sich nur an der Südseite der Straße und auch dort nur in dem zwischen der Hopfensackstege und dem Tor gelegenen Abschnitt. Sonst sind nur die Straßenecken, an der Hopfensackstege wie an der Großen Straße von Wohnbauten eingenommen. Zwischen den Eckhäusern an der Hopfensackstege und an der Großen Straße lagen mehrere Scheunen, die in der Grossen Straße wohnenden Kaufleuten gehörten. Die Nordseite war kaum zur Hälfte bebaut. Der Klosterkirchhof nahm fast den ganzen vorderen Teil dieser Straßenseite ein. Ihm folgten das weit zurückgelegene Minderbrüderkloster, zwei Wohnhäuser und das Stadthaus der adligen, mächtigen Ministerialenfamilie derer von Bylandt (später van Rossumsches oder Arntzsches Haus, jetzt Turm-Café). Sie besaß es schon am Ende des 14. Jahrhunderts und wohnte auch noch zu Beginn des 16. Jahrhunderts darin.

1976: Umbau zur Fußgängerzone (1)

1976: Umbau zur Fußgängerzone (1)

Die Kavarinerstraße war bis zur Zerstörungen im II. Weltkrieg eine enge Straße. Johan Arnold Kopstadt, bekannter Bewohner der Cavarinerstraße (das Grundstück begann gegenüber von Schulte zur Wissen), hat in seinem Buch „Über Cleve, in Briefen an einen Freund aus den Jahren 1811 und 1814“ erwähnt, dass sogar Napoleon, als er auf seinem Durchzug von Holland her in die Straße einherzog, sich unmutig über die enge Feststraße geäußert habe. Das rechte Eckhaus der Hopfensackstege bewohnte nach Kopstadt sein Schwiegersohn Christian Friedrich von der Mosel, der der erste Landrat des Kreises Kleve war. Ihm folgte Theodor Remy, Inhaber der 1874 gegründeten Weinkellerei und erster niederländischer Konsul in Kleve.

1976: Umbau zur Fußgängerzone (2)

1976: Umbau zur Fußgängerzone (2)

Die Kath.Pfarrkirche St. Mariä Empfängnis – die Klever nannten die Kirche früher die Annexkirche nach dem sonst unbekannten gleichnamigen Heiligen – war Teil des Minoritenklosters. Im Jahre 1285 soll Graf Dietrich VII. von Kleve dem Minoritenorden dieses Gelände für den Bau eines Klosters überlassen haben. Das Kloster ist erst 1300 direkt belegt. Die heutige („Minoriten-„) Kirche wurde zwischen 1425 und 1445 erbaut. Prunkstücke der Einrichtung sind das Chorgestühl aus dem Jahre 1474, das vielleicht Meister Arnt van Kalkar zugeschrieben werden darf, und die Barockkanzel von Nikolaus Albers aus dem Jahre 1698. An der Fassade zum Klostergarten befindet sich eine Grabplatte des spanischen Eroberers der Schenkenschanz, Adolf van Eyndhouts.

Trotz der Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg und dem daran anschließenden – wenig einfühlsamen – Wiederaufbau, gehört die Kavarinerstraße heute zu den „schöneren“ Straßen im Stadtgebiet. Die kleinteilige Bebauung, die Mischung historischer und „modernerer“ Gebäude harmoniert.

Seit 1978 findet zweimal wöchentlich – Mittwochs und Freitags – ein Wochenmarkt in dieser ältesten Fußgängerzone am unteren Niederrhein statt (Eröffnung im November 1976).


Wir bedanken uns bei den Machern der Internetseite www.Heimat-Kleve.de für die zur Verfügung gestellten Informationen!